Die Lücke ertrun­ke­ner Kin­der wirkt nach – noch über Genera­tio­nen!

Wie­so ein Foto die Enke­lin Lisa neu­gie­rig und den Opa Rai­ner trau­rig macht.

Ein­mal in der Woche, immer mitt­wochs, holt Opa Rai­ner sei­ne Enke­lin Lisa (fünf Jah­re) vom Kin­der­gar­ten ab. Lisa kann es immer gar nicht erwar­ten, dass ihr Opa am Ein­gang zum Kin­der­gar­ten end­lich die Klin­gel betä­tigt und er ein­ge­las­sen wird.

In Win­des­ei­le schlüpft sie in ihre Stra­ßen­schu­he und genau­so schnell in ihren Ano­rak. Und schon sind sie auf dem Weg nach Hau­se – Hand in Hand. Bis sie zu Hau­se sind, weiß Opa alles, was im Kin­der­gar­ten los war. Dass sie sich mit Hen­ri­et­te um die Lego­stei­ne gestrit­ten hat, dass Sabi­ne, die Erzie­he­rin, auf den Lucas ärger­lich war, weil er mit vol­ler Absicht, Opa, rich­tig mit Absicht, zwei­mal den Becher mit Tee umge­kippt hat…

Zu Hau­se ange­kom­men, wer­den sie bereits von Oma Petra zum Mit­tag­essen erwar­tet. Schon beim Ein­tre­ten duf­tet es lecker nach Lisas Lieb­lings­ge­richt: Spa­ghet­ti Bolo­gne­se. Der Tisch ist gedeckt. Da klin­gelt es an der Haus­tür. Die Nach­ba­rin vom Hau­se gegen­über will „nur kurz“ was mit Oma bespre­chen. Opa ver­dreht die Augen, weil er weiß, dass das dau­ern kann…

Weil Lisa lang­wei­lig ist, geht sie ans Regal und zieht sich eines der dicken Foto­al­ben her­aus und fängt an zu blät­tern.

 

Lisa: Opa, wer ist denn der Jun­ge auf dem Foto?

Opa: Das ist der Bern­hard, mein Bru­der. Du kennst ihn doch. Der mit dem fre­chen Dackel Jus­tus.

Lisa: Ja, der mich ein­mal bei­ßen woll­te. Und wer ist der ande­re Jun­ge? Wie heißt der?

Opa: Na, das bin doch ich, dein Opa.

Lisa: So hast du als Kind aus­ge­se­hen? Lus­tig. Und Opa, wer ist das Mäd­chen mit der Schlei­fe im Haar neben dir?

Opa: Na, das war mei­ne Schwes­ter Eleo­no­re.

Lisa: Ist das jetzt nicht mehr dei­ne Schwes­ter, Opa?

Opa: Doch. Na ja, wie soll ich es sagen? Sie lebt nicht mehr.

Lisa: Ist sie tot, Opa?

Opa: Ja, schon sehr lan­ge.

Lisa: War sie krank, Opa? So wie der Onkel Fritz von Mama?

Opa: Nein, nein, sie war nicht krank. Sie ist ertrun­ken.

Ertrun­ken? Konn­te sie nicht schwim­men?

 

Lisa: Ertrun­ken? Konn­te sie nicht schwim­men, Opa? Aber war­um ist sie denn ertrun­ken?baby-schwimmen-um

Opa: Wir hat­ten hin­ter unse­rem Haus, du weißt doch, auf unse­rem Bau­ern­hof, so einen klei­nen Gra­ben. Es gab Zei­ten, in denen war nur ganz wenig Was­ser dar­in und, meis­tens im Früh­jahr, war er rich­tig tief. Also bestimmt 60 cm tief. Und in die­sen Gra­ben ist sie rein­ge­fal­len. Sie muss ihrem Ball hin­ter­her gelau­fen sein, der wohl die klei­ne Böschung hin­ab gerollt war. Mei­ne Mut­ter, also dei­ne Uroma, erzähl­te das immer wie­der, dass sie Eleo­no­re auf unse­rem Grund­stück such­te und such­te. Weil sie sie nicht fand, ging sie hin­ter das Haus, über die Wie­se – und da sah sie zuerst den klei­nen roten Ball im Schilf. Und dann Eleo­no­re.

Lisa: Und da war sie tot, Opa? Ist sie da ertrun­ken, Opa?

Opa: Ja. So war das.

Lisa: War denn die Eleo­no­re nicht beim Baby­schwim­men, Opa?

Opa: Ach, wo denkst du hin! Baby­schwim­men. Sowas gab es doch frü­her noch nicht.

Lisa: Aber Opa, das stimmt doch, wenn ihre Mut­ter mit ihr zum Baby­schwim­men gegan­gen wäre, dann wäre sie heu­te doch nicht tot, oder?

Opa: Also ihre Mut­ter war ja auch mei­ne Mut­ter, Lisa, also dei­ne Uroma. Und du weißt doch, dass sie nicht mehr lebt. Ich glau­be, du hast recht. Wenn es das Baby­schwim­men damals schon gege­ben hät­te und mei­ne Mut­ter mit ihr dar­an teil­ge­nom­men hät­te, dann wäre sie nicht ertrun­ken.

Lisa: Opa, und wie alt ist die Eleo­no­re da auf dem Foto?

Opa: Vier Jah­re. So alt wie du jetzt.

Lisa: Opa, ich bin doch schon fünf.

Opa: Ach ja, stimmt ja.

Lisa: Opa, und wann ist sie ertrun­ken?

Opa: Kurz nach­dem das Foto auf­ge­nom­men wur­de.

Sie ist also ertrun­ken, weil sie nicht schwim­men konn­te

 

Lisa: Also ist sie mit vier Jah­ren ertrun­ken, weil sie nicht schwim­men konn­te?

Opa: Ja, so war es. Und des­halb, bevor du auf die Welt kamst, habe ich schon mit dei­ner Mama und dei­nem Papa gere­det, dass sie dich unbe­dingt zum Baby­schwim­men anmel­den müs­sen, damit sie auch ganz sicher einen Platz bekom­men und du so schnell wie mög­lich an den Kur­sen teil­neh­men kannst. Ja, und so kam es, dass du schon mit sie­ben Wochen dabei warst. Irgend­wie haben wir es immer hin­be­kom­men, dass kei­ne Kurs­stun­de aus­ge­las­sen wur­de. Und du bist am Anfang auch nie krank gewe­sen. In den ers­ten Mona­ten ging die Mama mit dir hin und als sie wie­der anfing zu arbei­ten, dar­an wirst du dich nicht erin­nern kön­nen, gin­gen immer Oma und ich mit dir zum Schwim­men. Also zum Baby­schwim­men. Mann, haben wir Spaß gehabt. Und du hät­test mal die Oma sehen sol­len, was die für Augen gemacht hat, wenn wir zwei zusam­men unter­ge­taucht sind. Und du warst erst vier Mona­te, als wir zwei zusam­men eine Stre­cke von fünf Metern tau­chen konn­ten. Die Oma hat­te sich da schon lang­sam dar­an gewöhnt, dass wir so ver­rück­te Sachen mach­ten.

ertrunkener Kinder

Lisa: Ja, Opa, und stimmt doch, ich war doch drei­ein­halb, als ich mein See­pferd­chen gemacht habe?

Opa: Ja, rich­tig. Du warst drei­ein­halb.

Lisa: Und Opa, als du Rent­ner wur­dest, da bist du doch immer zwei­mal in der Woche mit mir zum Schwim­men gegan­gen?

Opa: Ja genau, stimmt.

Lisa: Ich glau­be, Opa, des­halb bin ich auch so gut im Schwim­men.

Opa: Ja, ganz sicher. Weißt du noch, Lisa, dass wir ganz oft die Maxi und ihren Bru­der Tobi­as mit­ge­nom­men haben? Ich bin doch immer, wenn Freun­de von dei­ner Mama und dei­nem Papa ein Baby bekom­men haben, zu denen hin­ge­gan­gen und habe ihnen gesagt, wie wich­tig es ist, dass sie ihr Baby zum Baby­schwim­men anmel­den. Und wenn sie zöger­lich waren, habe ich ihnen die Geschich­te von mei­ner Schwes­ter Eleo­no­re erzählt und dass mei­ne Mut­ter, also dei­ne Uroma, nie wirk­lich dar­über hin­weg­ge­kom­men ist. Mir und mei­nem Bru­der hat unse­re Schwes­ter auch immer gefehlt. Ich glau­be, bei eini­gen jun­gen Eltern hat­te es auch Erfolg, wenn ich ihnen von die­ser trau­ri­gen Geschich­te erzähl­te. Zum Bei­spiel bei den Eltern von Maxi und Tobi­as. Ich fin­de es so scha­de, dass die bei­den mit ihren Eltern weg­ge­zo­gen sind.

Lisa: Ja Opa, das fin­de ich auch.

Da erklang Omas Stim­me aus dem Flur: Essen kom­men. Ich befürch­te, die Spa­ghet­tis sind schon ganz kalt gewor­den. Muss­te die Nach­ba­rin aus­ge­rech­net zur Mit­tags­zeit kom­men. Dass ihr Sohn eine neue Stel­le hat und er des­halb mit sei­ner Fami­lie nach Mün­chen zieht, hät­te sie wahr­lich etwas spä­ter erzäh­len kön­nen. Und, Lisa, was war denn heu­te so im Kin­der­gar­ten los…?

Fazit
Die Lücke ertrun­ke­ner Kin­der ist mit nichts zu fül­len. Ein Schlei­er der Trau­rig­keit legt sich über die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen und ver­blasst oft­mals erst in der nach­fol­gen­den Genera­ti­on. Im Gegen­satz zur frü­he­ren Zeit, in der es Glücks­sa­che war, dass Kin­der schwim­men ler­nen konn­ten, ist es heu­te oft Nach­läs­sig­keit der Eltern oder das feh­len­de Bewusst­sein dafür, wie schnell das Was­ser zu einer Gefah­ren­quel­le für klei­ne Kin­der wer­den kann. Wie vie­le von den Was­ser­un­fäl­len wären ver­meid­bar gewe­sen….?

Wenn Sie Fra­gen oder Tipps für ande­re jun­ge Eltern haben, schrei­ben Sie mir.

Ihre
Inge Hel­big-Scharf

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